Jorge und die Arbeit

Wir sitzen in einer Strandbar. Wir trinken wie immer einen Café con leche und eine Menta-Poleo. Ich weiß auch nach einem Monat nicht, was mein Bekannter Jorge da für einen Tee trinkt. Ich schaue so etwas nicht nach. Wird Minze sein. Ich habe den Plan, in Spanien nach dem Studium ein wenig als Deutschlehrer zu arbeiten.

Um uns herum sitzen nur ein paar deutsche oder französische Touristen und essen diese überteuerte Paella. Auf dem Schild vor der Plastikplane steht: Hausmacherpaella. Das Schild steht in der ganzen Stadt an den Touristensammelpunkten herum. Diese Paella findet man an anderen Stellen in der Stadt nicht. Der Tag heute ist besonders sonnig und ohne meine Mütze werde ich heute einen Sonnenbrand bekommen. Spanien hat eine Sommerkrise. Besser gesagt: Es leidet an mangelndem Sommer. Vielleicht kommen deswegen alle fünf Minuten die Afrikaner vorbei und bieten uns ihren Kram an. Es ist ja sonst niemand hier.

Ich frage Jorge: „Sag mal, eigentlich müsste doch jetzt der Strand voll sein! Immerhin hat Spanien eine Arbeitslosenquote von 27 %!“ Das heißt, dass ein Viertel der arbeitenden Bevölkerung am Strand sein könnte. Aber auch die arbeitslosen 50% der jungen Spanier könnten hier am Strand sein. Sind sie aber nicht. Jorge sagt: „Ich glaube nicht, dass die alle hier sein müssen. Ich denke, die studieren zu Hause Englisch oder Deutsch oder Chinesisch.“ Warum sind sie nicht in der Uni? Haben Sie keine Lust, nur weil sie arbeitslos sind?“ Er schweigt. Dann schreibt er eine Zahl auf: 3000 € Jahresgebühr für die öffentliche Uni. Irgendwas verstehe ich scheinbar nicht. Mein Blick schweift über die Strandpromenade. Helle Haut dominiert. Die Kellner sind junge Lateinamerikaner. Laut einer Statistik ist das Durchschnittseinkommen bei den jungen unausgebildeten Lateinamerikanern 1.000 Euro. Sie putzen. Kellnern ist vielleicht eine bessere Arbeit. Aber in Spanien geben die Leute kaum Trinkgeld. Mich sieht man immer überrascht an, wenn ich die 10% aufschlage. Als Student habe ich Trinkgeldgeizkragen gehasst.

„Das Einkommen Median in Spanien ist 18.000 €“ sagt Jorge. 6000 Euro über dem Latinoeinkommen. „Unsere Arbeitsverträge sagen 8-Stunden-Tage an. Faktisch niemand arbeitet 8 Stunden, sondern 9 bis 12 Stunden. Ich arbeite nicht 8 Stunden, ich arbeite immer 9-10. Meine Cousine arbeitet in einer Bäckerei. Sie bekommt 1.000 € und arbeitet immer 12 Stunden.“ Die Frage, wie viel Jorge verdient, ist mir nicht ganz genehm, aber ich stelle sie trotzdem. „Ich fühle mich privilegiert. Ich gewinne 27.000 Euro brutto im Jahr. 2.250€ im Monat brutto.“ Jorge sagt gewinnen, weil das Spanische ein Verb für gewinnen hat, das auch verdienen bedeutet. Er hat drei Studienabschlüsse. Er spricht Spanisch, Galizisch, Deutsch und Englisch. Er hat Betriebswirtschaft studiert. Er hat zwei weitere Abschlüsse. Er hat weitere Fernstudien gemacht. Sogar in den USA hat er studiert. Er hat 20 Jahre Berufserfahrung. Er hat auch eine Frau und ein Kind.  Deswegen bleibt er bei seiner Arbeit. Er würde gerne gehen. Denn die Ethik der Chefs, wie er sagt, ist nicht gut. “ denke, dass es wie in 19.Jahrhundert ist“. Die Chefs machen offensichtlich Dinge, die sie nicht tun sollten. Die private Steuererklärung einer seiner Chefs hatte er vor kurzem auf dem Tisch. Für die USA. Jorge kann ja Englisch. Und er ist in einer amerikanischen Buchhalterassoziation. Ist ja im Prinzip das Gleiche. „So passiert das hier überall.“

Jorge sagt, er will nicht mehr: Aus seiner Abteilung sind noch er und ein anderer übrig. Vorher hatte er vier Kollegen. Aber die Chefs wollen die Jahresabschlüsse nun schon im Januar des Folgejahres. Was Jorge mit seinen vier Kollegen in Überbeschäftigung einmal für den Mai vorbereitete.

Aber Jorge ist privilegiert. Er hat Arbeit. Er gehört zu den 16 Millionen Spaniern, die 45 Millionen Gesamtbevölkerung versorgen. Ich möchte Jorge nicht fragen, ob er nach Deutschland gehen wird und seine Frau und sein Kind zurücklassen will. Immerhin ist er schon einmal ausgewandert. Von Galizien nach Katalonien. Vielleicht in fünf Jahren.

Aber vielleicht arbeitet Jorge dann gar nicht mehr. Vielleicht aber gehört Jorge dann ja auch zu den Mindestlöhnern. Die hier 645 € im Monat verdienen. Aufstocken kann man hier aber nicht. Egal ob man 8 oder 12 Stunden am Tag arbeitet.

Die Kellnerin bringt uns die Rechnung. Ich wühle in meiner Hosentasche, während ich auf der Rechnung den Mehrwertssteuerbetrag lese: 21%.

„Naja“, denke ich bei mir. „Wenigstens sind hier die Sportgeräte am Strand umsonst. Wenn ich hierbleiben würde… könnte ich ja nach der Arbeit, dem Kindererziehen und dem Nachgehen meiner Hobbies vielleicht noch an den Strand gehen? Ne, dafür hätte ich nur Zeit, wenn ich arbeitslos wäre… Also… entweder arbeitslos oder nicht an den Strand gehen… und ein Studium könnte ich meinem Kind auch nicht finanzieren. In keinem Fall.

Ob Jorge seinem Kind mal das Studium finanzieren kann, das er selbst hat? Vielleicht wird es ja mal ein Superstar. Dann braucht es kein Studium. Egal, wie es kommt, es wird auf jeden Fall einen Strand haben, der im Sommer voll wie die Fischdosen ist. Ich entscheide mich in diesem Moment dafür, kein Deutsch in Spanien zu unterrichten. Sonst glaubt meine Familie, dass ich hier nur am Strand rumhängen würde und hätte keinen Respekt vor mir. Das will ich nicht.

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2 Gedanken zu “Jorge und die Arbeit

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  2. Als mit sechzehn Jahren, nach Abschluss der Mittleren Reife, meine Berufswahl anstand, wollte ich Blindenhundfuehrer werden. Das sind Personen, die Hunde dafuer ausbilden, blinde Menschen zu fuehren.
    Bei meiner Familie hat ein derartig exotischer Berufswunsch nur ein nachsichtiges Laecheln, Kopfschuetteln und abfaellige Handbewegungen ausgeloest.
    Gut, kein Problem, dachte ich. Schliesslich ist es nicht das einzige, was mir in meiner Vorstellung Freude und Enthusiasmus am Erwerbsleben bringen wuerde. Wenn nicht Blindenhundfuehrer, dann eben Gaertner, oder Florist, auch an diesen Vorstellungen konnte ich mich begeistern. Tierpfleger im Zoologischen Garten oder Bereiter, beides Ausbildungberufe, welche meine Gedanken an meine berufliche Zukunft befluegelten.

    Aber meine Familie war unbeugsam. Weder das eine, noch das andere, noch alles weitere war in ihren Augen ein Beruf, der „vernuenftiges“ Einkommen garantieren wuerde. Geld verdienen war der Zweck des Berufs. Daher muss der Beruf zum Zweck des Geldverdienens gewaehlt werden. Das war ihre Ueberzeugung und mit hartnaeckiger Unnachgiebigkeit brachten sie mich auf den Weg.
    Und so begann ich eine Ausbildung zum Industriekaufmann. In dem Konzern, in welchem mein Vater als Facharbeiter taetig war. Das war gediegene, substanzielle Arbeit und versprach ein gesichertes Einkommen fuer meine Zukunft.

    Mit knapp achtzehn habe ich mein Elternhaus verlassen. Was folgte waren einige unstete Jahre, die keinem Plan folgten, aber deren Folgen meine ganzes weiteres Leben bestimmen sollten. Mein von den Eltern gewaehlter Beruf war sicher nicht der falscheste, er war mir immer hilfreich, quasi universell einsetzbar und lokal unabhaengig, wie er ist. Er ist noch heute die Basis meines Lebensunterhaltes.

    Aktuell arbeite ich wegen Auftragsmangels in meiner Firma nur Halbzeit. Dafuer erhalte ich ein Gehalt von Euro 1100 netto. Das ist nicht viel, reicht aber fuer meinen eher bescheidenen Lebensstil und ich hoffe, dass die Auftragslage sich wieder verbessern wird und ich irgendwann wieder Vollzeit arbeiten kann.

    Ich bin in meiner Firma sehr geschaetzt, deshalb habe ich die Sicherheit, dass ich meine Arbeit erst verlieren werde, wenn sie tatsaechlich bankrott gehen sollte. Ich arbeite sorgfaelltig, gewissenhaft und auch mal extra Stunden, wenn Aussergewoehnliches anliegt. Aber ich liebe meine Arbeit nicht.

    Wenn ich hin und wieder an meine ehemaligen Berufswuensche zueruckdenke, dann komme ich auch ins Gruebeln, ob ich nicht damit heute gluecklicher waere. Vielleicht. Meine Erfahrung ist, Leben kann man nicht wirklich planen. Nicht langfristig zumindest. Nur immer den naechsten Schritt.

    Zufrieden und mit Begeisterung heute Deutsch in Spanien lehren… moeglicherweise sollten sie es sich nochmal ueberlegen.

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