…und dann kamen Höcke nach Dresden und Trump nach Washington

Seit einer Woche bin ich verloren. Nichts stimmt mehr. Ich habe das Gefühl, ich habe eine Grenze überschritten oder eine Weiterentwicklung verpasst.

Ich verstehe nicht mehr, was ich lese. Ich verstehe nicht mehr, was die Leute sagen. Ich verstehe nichts mehr. Noch vor wenigen Monaten hatte ich das Gefühl, dass ich in der weiten Welt des Internets an bestimmten Orten mit meiner Meinung zu Hause war.

Dann kamen Höcke und Inauguration. Seitdem bin ich irgendwie soweit, dass ich das Internet abschalten möchte, um mich in die Berge zurückzuziehen. Himalaya, Kilimandscharo, Patagonien. Hauptsache weit weg.

Was ist passiert?

Ich habe mir die Reden von Höcke und Trump angehört.

Theoretisch habe ich alles richtig gemacht: Ich  bin selbst an die Quelle gegangen und habe mir ein eigenes Bild verschafft. Das Bild der Reden ist übereinstimmend: Es ist eine Darstellung der jeweiligen Wirklichkeit, wie man sie nicht nur im Internet oft dargestellt finden kann: Korrupte Politiker, die fern von den Bedürfnissen der breiten Bevölkerung auf ihren eigenen Vorteil und auf ihr politisches Überleben fixiert sind. Zerstörte Infrastruktur, die durch die Politik der letzten Jahrzehnte verfallen ist. Verlustig gegangene Arbeitsplätze, die man wieder neu entstehen lassen muss.

98-99% der Reden sind in ihren Analysen nicht angreifbar. Der nationalistische  Unterton ist jeweils der Teil der Rede, der mich Abstand nehmen lässt. Das ist nicht mein Ton. Darauf möchte ich später noch mal zu sprechen kommen.

Zuerst möchte ich fragen, was mit den inhaltlichen Kritikpunkten ist?

Warum also kann ich diese Kritikpunkte nachvollziehen und lese davon in den Medien nichts? Warum lese ich nicht auf den Titelseiten, dass Trump die katastrophale Infrastruktur und viele andere Themen in seiner Inauguration Speech angesprochen hat, deren Problematik sogar schon im sogenannten Mainstream angesprochen worden ist? Warum spricht man von einer Zukunft, die noch gar nicht da ist und spekuliert einfach wild? Warum tut man so, als ob Trumps Administration die alternative Wahrheit erfunden hätte? Wenn doch Tilo Jung wöchentlich alternative Wahrheiten von der Bühne der Bundespressekonferenz ins Netz bringt. Wenn die alternative Wahrheit einfach nur ein anderes Wort für Propaganda ist? Natürlich ist es eine neue Stufe von Unverfrorenheit. Aber was für einen Unterschied macht es noch? Das Ergebnis ist doch das Gleiche. Man  kann nur noch spekulieren.

Nach diesen Spekulationen kommen die küchenpsychologischen Analysen über den Geisteszustand Trumps. Bewundernswert. Gab es diese Analysen auch bezüglich Obamas Geisteszustand? Vermutlich geschehen diese psychologischen Analysen, weil man ja diesen Hitlervergleich zieht. Ich finde ich auch das interessant. Man vergisst oft, dass Hitler kein Einzelkämpfer gewesen war. Sondern ein Mann hinter dem gewichtige  Interessen standen. Und damit meine ich nicht die Illuminaten, sondern Großindustrielle und Banker aus dem In- und Ausland. Genauso stehen ähnlich mächtige Leute hinter Trump. Wie auch hinter Obama. Alle sind sie aus dem System hervorgegangen.

Warum lese ich etwas von Aggressivität? Meint man damit die Begriffe „Tat-Elite“ und „give the power back to the people“? Der Begriff „Tat-Elite“ kommt in der Höcke Rede nicht vor, wenn man danach im Transkript sucht. Besteht irgendein Zweifel, dass die Entscheidungen nicht für den kleinen Mann getroffen werden? Wem scheint es angesichts sich immer verschlechternder Zustände nicht korrekt, dass sich deutlich was ändern muss? Und wie anders als durch Tat soll es geschehen? Und wer keine Tat will, der muss dafür sorgen, dass sich wenigstens IRGENDetwas ändert. Möglichst zum Guten. Man kann nicht erwarten, dass man von der Schließung von Guantanamo spricht, es dann nicht tut und die Leute keine Konsequenzen daraus ziehen. Trump hat nicht dafür gesorgt, dass ich Obama nicht mehr toll finde. Drohnen, Snowden etc.

Was mich aber am meisten beschäftigt ist die Frage, warum wir Gebildeteren nichts lernen. Die Dämonisierung der Höckes und Trumps ändert nichts an den Gründen, warum sie gewählt werden. Denn die Inhalte ihrer Reden sind vermutlich sehr vielen zugänglich. Die Leute wählen Trump und Höcke nicht, weil sie Rassisten wären. Sie wählen sie, weil sie ihre eigene Wahrnehmung in den Worten dieser Politiker widergespiegelt sehen. Wenn wir jetzt diese Politiker kritisieren… dann kritisieren wir in den Augen dieser Leute das Aussprechen dieser Wahrnehmungen. Diese sind doch nur das Resultat der zur Verfügung gestellten Alternativlosigkeit der herrschenden Klasse. Und wenn wir Trump dafür kritisieren, dass er lieber keine Homoehe will, dann sprechen wir nun einmal ein Minderheitenthema an. Aber wir erwähnen nicht den Straßenbau, der einfach viel mehr Leute direkt betrifft, weil sie morgen durch eine Brücke durchbrechen könnten. Auch Schwule, Lesben und Geschlechtlich nicht Definierte. Auch Ich verstehe an dieser Stelle nicht, wie die Leute übersehen können, dass es die Mehrheit der Amerikaner eben nicht interessiert, dass da in Washington am Fernseher für Frauenrechte demonstriert wird. Denn im selben Moment steht da eine alleinerziehende schwarze Frau hinter dem Tresen und verdient zuwenig Geld, um sich Betreuung für ihre Kinder und eine gute zukunftssichernde Erziehung für sie leisten zu können.

Ich denke, dass man sich doch eigentlich diesen Widersprüchen stellen müsste, um bei den Leuten dafür zu sorgen, dass sie diese Probleme nicht mehr haben. Lösungen finden. Und nicht diejenigen, die die Probleme ansprechen, dafür zu kritisieren, dass sie ein ganz anderes Thema unserer Meinung nach falsch angehen.

Und hier komme ich zum Nationalistischen. Ich denke, dass es auf den ersten Blick realistischer ist, soziale und wirtschaftliche Probleme auf nationaler als auf internationaler Ebene zu lösen. Vor allem, wenn eben diese globalisierte Wirklichkeit die Leute dorthin gebracht hat, wo sie für Höckes und Trump stimmen. Wer also die national(istisch)e Lösung kritisiert, der muss den Wählern einen glaubwürdigeren Vorschlag bringen. Und solange Leute wie Bernie Sanders oder Andrej Holm mit ihren Ansätzen für eine gerechtere Welt von Ämtern (und Arbeit) ferngehalten werden und die herrschende Klasse nicht fähig ist, solche Leute und ihre Vorschläge in die Politik einer globalisierten Welt zu integrieren, muss sie sich für die Folgen dieser Unfähigkeit kritisieren lassen.

Sie selbst muss dafür sorgen, dass die Folgen nicht mehr der Anlass dazu sein können, eine inhumane Wahlentscheidung zu treffen.

Erkennen noch andere diesen Widerspruch? Immerhin wählen dieselben Leute, die Trump kritisieren, auch Seehofer, Merkel, Gabriel und Kretzschmann. Ich wünsche mir, dass mehr über die Sanders und Holms gesprochen wird und ich wünsche mir, dass mehr Alternativen und gegenwartsnahe Utopien besprochen werden. Damit wir keine alternativen Wahrheiten mehr brauchen, sondern wahre Alternativen haben.

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5 Gedanken zu “…und dann kamen Höcke nach Dresden und Trump nach Washington

  1. Vom Recht auf Widerstand

    Weil ich denke, dass es auch fuer Sie in dem Zusammenhang bedeutsam sein koennte, moechte ich Sie gerne auf diese Veranstaltung in Dresden im Militaerhistorischen Museum hinweisen:

    „Ein Widerspruch von Bundesrichter Prof. Dr. Thomas Fischer
    Forum Museum in Kooperation mit der Wochenzeitung DIE ZEIT
    Montag, 19. Juni, 18 Uhr 

    Zunehmend fordern rechtspopulistische Kräfte ein Widerstandsrecht gegen „die Herrschenden“. Sie bezieht sich ausgesprochen oder unausgesprochen auf das Urteil in einem Prozess aus dem Jahre 1952, dem sogenannten Remer-Prozess. In dessen Begründung wurden die Hitler-Attentäter des 20. Juli 1944 posthum als Widerstandskämpfer gegen einen Unrechtsstaat rehabilitiert.

    Prof. Dr. Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof und bekannt für seine scharfsinnigen Rechtskolumnen, beleuchtet in seinem Widerspruch die scheinbaren Parallelen zwischen Rechtspopulisten und Hitlerattentätern, zwischen Diktatur und Großer Koalition. Anschließend stellt er sich den Fragen und Anmerkungen des Publikums.“

    https://www.mhmbw.de/forummuseum

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